Die “Age of Assassins”-Trilogie

Inhalt: Girton Club-foot, apprentice to the land’s best assassin, still has much to learn about the art of taking lives. But his latest mission tasks him and his master with a far more difficult challenge: to save a life. Someone, or many someones, is trying to kill the heir to the throne, and it is up to Girton and his master to uncover the traitor and prevent the prince’s murder. In a kingdom on the brink of civil war and a castle thick with lies Girton finds friends he never expected, responsibilities he never wanted, and a conspiracy that could destroy an entire kingdom.

Es ist lange her, dass mich das erste Buch einer Reihe so mitgerissen hat, dass ich mir ohne zu zögern direkt den zweiten und dritten Band bestellt habe. Bei Age of Assassins habe ich nicht einmal bis zum Beenden des Buches gewartet; als ich beim letzten Drittel angekommen war, wusste ich – ich brauche die beiden Fortsetzungen, sofort. Auch jetzt noch bin ich wahnsinnig fasziniert davon, was Autor R. J. Barker mit dieser Trilogie geschaffen hat, denn sagen wir es mal so: Girton und seine Geschichte haben mich umgehauen. Bestellt hatte ich mir den ersten Band damals eigentlich nur, weil einer meiner liebsten Autoren ein Foto davon auf Instagram gepostet hatte, ich dringend neuen Lesestoff brauchte und zu diesem Zeitpunkt nicht unbedingt wählerisch war. Und da sich mein impulsives Kaufverhalten quasi immer lohnt (möchte ich mir zumindest einreden), war es auch hier eine gute Entscheidung.
Noch kurz als Anmerkung: Ich werde versuchen, zumindest am Anfang ohne allzu große Spoiler auszukommen. Anschließend möchte ich allerdings auf einige Charakterentwicklungen und Handlungsstränge aus Band 2 & 3 zu sprechen kommen, wozu ich inhaltlich leider nicht spoilerfrei bleiben kann.

Die “Age of Assassins”-Trilogie

Die Trilogie erzählt zwar durchgängig eine kohärente Geschichte um Protagonist Girton, aber schafft es trotzdem, jedes Buch zu etwas völlig Eigenem zu machen und immer wieder eine neue Richtung einzuschlagen. Age of Assassins ist kein High Fantasy; hauptsächlich liegt der Fokus hier auf den Intrigen, Machtkämpfen und Bündnissen der Akteure in einer Welt voller Ritter, König*innen, Kleriker*innen und einfachen Menschen. Das einzig fantastische sind die sogenannten Sorcerer; Magier*innen, die in Age of Assassins als größte Bedrohung angesehen und somit erbarmungslos gejagt und hingerichtet werden. Ich möchte später noch genauer darauf eingehen, aber auch dieser Aspekt der Trilogie hat mir wahnsinnig gut gefallen, da das Magiesystem im Rahmen der etablierten Welt so viel Sinn macht und einen perfekten Katalysator für einen Großteil der Handlungsstränge darstellt.
Protagonist Girton ist im ersten Band fünfzehn Jahre alt und Lehrling der Meister-Assassine Merela Karn. Die beiden werden von einer der Königinnen der Tired Lands dazu beauftragt, eine Verschwörung aufzudecken und herauszufinden, wer den Thronerben töten und das Land somit ins Chaos stürzen will. Das stellt sich allerdings als weitaus schwieriger heraus als ursprünglich gedacht, da es unzählige Verdächtige gibt und die Bewohner des Schlosses, in dem der Großteil des ersten Buches spielt, voller Intrigen und Geheimnisse sind. Die Geschichte liest sich wie ein Murder Mystery und ich habe es geliebt! Ständig rätselt man als Leser*in darüber, wer denn nun der oder die Attentäter*in sein könnte und was denn nun eigentlich hinter den vielen seltsamen Vorkommnissen und verdächtigen Andeutungen steckt. Die meisten der Auflösungen am Ende des Buches habe ich schlicht nicht kommen sehen; ein Muster, das sich dann auch durch den zweiten und dritten Band gezogen hat.
Noch viel interessanter waren in diesem Zusammenhang allerdings die Charaktere an sich, allen voran Girton. Da er als junger Sklave zu Merelas Lehrling wurde und seitdem mit ihr durch die Tired Lands zog, hatte er nie eine normale Kindheit und man merkt im Laufe des ersten Buches, wie schrecklich einsam er eigentlich ist. Umso interessanter fand ich daher, wie R. J. Barker ihn mit den anderen Charakteren interagieren ließ; seine anfangs noch sehr zerbrechliche Freundschaft mit dem gleichaltrigen Adeligen Rufra war wunderbar geschrieben und hat dem Buch zusammen mit Girtons Beziehung zu seiner Meisterin Merela eine Wärme verliehen, die ich so nicht erwartet hatte. Aber auch sein Umgang mit den Antagonisten hat mir besonders im Hinblick auf die beiden Folgebücher gefallen; der Kronprinz Aydor beispielsweise scheint Girton zu verachten und nutzt jede Gelegenheit, ihn wegen seines Klumpfußes zu demütigen und auch viele weitere Nebenfiguren wollen ihm das Leben schwer machen. Trotzdem lässt sich Girton nicht unterkriegen und bleibt sich selbst treu; eine Einstellung, die dann im zweiten Band auf eine harte Probe gestellt wird.

Die “Age of Assassins”-Trilogie

Hier betreten wir nun Spoiler-Territorium, denn: Im letzten Drittel des ersten Buches stellt Girton fest, dass er ein Sorcerer ist und viele seiner Fähigkeiten als Assassine eigentlich auf Magie beruhen. Am Ende des Buches ist er dann schließlich dazu gezwungen, zusammen mit seiner Meisterin zu fliehen; während sein Freund Rufra seinen neu gewonnenen Thron gegen den eigentlichen Kronprinzen Aydor und einen weiteren Anwärter verteidigen muss, tauchen die beiden Assassinen unter und schließen sich einer Söldnergruppe in einem weit entfernten Land an. Der zweite Band Blood of Assassins setzt fünf Jahre später ein: Girton und Merela kehren zurück in die Tired Lands und erneut gilt es, ein (geplantes) Murder Mystery zu lösen, denn dieses Mal scheint es einen Verräter in König Rufras engstem Kreis zu geben. Und trotz dieser Rahmenhandlung stehen wie schon im ersten Buch eigentlich Girtons Charakter und seine Entwicklung im Vordergrund. Folgendes Zitat fasst seinen zentralen Konflikt in Blood of Assassins sehr schön zusammen:

“Don’t be a slave to old hatreds, Girton. People change, remember that. Forgiveness is its own reward.”

Das Problem ist allerdings, das Girton das nicht kann. Er hält an seinem über die Jahre aufgestauten Hass auf all die Menschen, die ihn im ersten Band verletzt hatten, und vor allem auch an seinem Hass auf sich selbst fest. Dadurch ist er den Großteil des Buches hindurch als Person unausstehlich; sein Verhalten ist egoistisch und paranoid, seine Handlungen sind oft impulsiv und ohne Sinn. Hinzu kommt, dass er mit seinen bereits angesprochenen magischen Fähigkeiten zu kämpfen hat, da diese an die Oberfläche drängen und Girton ihnen nicht mehr lange widerstehen kann – oder es vielleicht auch einfach gar nicht will. Dieser innere Konflikt war faszinierend mitzuverfolgen und hat das Buch für mich zu etwas wirklich Besonderem gemacht. Es ging nicht darum, aus Girton einen strahlenden Helden ohne Probleme zu machen; stattdessen war es eine Geschichte über das Auseinandersetzen mit den eigenen Ängsten, Zweifeln und Hoffnungen – und dem schlussendlichen gleichzeitigen Scheitern an und Triumphieren über dieser Herausforderung.

Die “Age of Assassins”-Trilogie

King of Assassins, der fünfzehn Jahre später spielende finale Band, drängt Girton dann erneut in eine andere Richtung. Die Vielschichtigkeit und das charakterliche Wachstum des Protagonisten haben der Reihe für mich eine Relevanz verliehen, die sie ohne all dies für mich nicht besessen hätte. Unglaublich interessant war zudem, dass die Entwicklung der Nebenfiguren in zwei Richtungen verlief – mein ehemaliger Lieblingscharakter Rufra wurde mir mit jedem Band unsympathischer; den ehemaligen Antagonisten Aydor habe ich von Buch zu Buch mehr ins Herz geschlossen. Und doch waren sie alle so wahnsinnig komplex geschrieben und besaßen ganz eigene Ängste, Träume und Wünsche, sodass es mir schlicht nicht möglich war, ihr Verhalten oder ihre Handlungen zu kritisieren.
Die immer schlechter werdende Beziehung zwischen Rufra und Girton fand ich zwar anfangs furchtbar, verstehe aber auch, was R. J. Barker damit erreichen wollte und weswegen es die einzig richtige Konsequenz für den Character Arc der beiden Figuren und vor allem für die Geschichte als Ganzes war. Die Erkenntnis, dass manche Freundschaften nicht für immer sind, sich Menschen auseinanderentwickeln und man am Ende vor allem sich selbst treu bleiben sollte, bedeutet mir unglaublich viel.
Ich muss in diesem Zusammenhang auch unbedingt näher auf Aydor eingehen, den ich im ersten Band nicht ausstehen konnte und der am Ende von Band 3 schließlich mein liebster Charakter der gesamten Trilogie war. Zentral für seine Geschichte ist seine Suche nach Erlösung, nach Wiedergutmachung für seine Taten und nach der Kraft, das zu tun, was richtig ist. Barker beschreibt es in seinem Nachwort perfekt:

„The redemption of Aydor ap Mennix is all about fear and the conquering of it (…). Aydor exemplifies something I think is very important and that is forgiveness and accepting who you are.“

Aydors Geschichte ist im Nachhinein unglaublich tragisch. Im ersten Band werden seine Taten durch seine Angst und seine Unsicherheit bestimmt und treiben ihn so dazu, all diese schrecklichen Dinge zu tun. Ich kann sein Verhalten damit nicht entschuldigen und will es auch gar nicht; vielmehr finde ich es dadurch umso bemerkenswerter, wie er diese Angst überwindet, den Einfluss seiner toten toxischen Familie abwirft und alles hinter sich lässt, was ihm einmal etwas bedeutete. Am Ende der Trilogie sind er und Girton Freunde, Brüder, und ich bin so glücklich darüber, dass Aydor sein verdientes Happy End bekommen hat. Und auch Girtons Beziehung zu seiner Meisterin Merela erhält ein würdiges Ende – kurz vor Merelas Tod erkennen die beiden endlich, was sie eigentlich schon die ganze Zeit waren: eine Familie.
Und nun müssen wir auch noch einmal kurz auf Girtons Character Arc über die gesamten drei Bücher hinweg und das Magiesystem zu sprechen kommen. Wie bereits erwähnt werden die Sorcerer als etwas Böses angesehen, was unter anderem daran liegt, dass ein extrem mächtiger Sorcerer vor einigen Jahrzehnten beinahe das gesamte Land zerstört hätte. Wie wir im ersten und vor allem zweiten Band erfahren, besitzt Girton ähnlich starke magische Kräfte. Im letzten Drittel von King of Assassins habe ich mich dann gefragt, wann diese Macht endlich thematisiert und relevant für den Konflikt des Buches wird und was Girton schlussendlich damit anstellt. Aber nichts davon ist passiert, denn im Endeffekt spielten seine magischen Fähigkeiten keine entscheidende Rolle für den Ausgang der Handlung – und ich habe es geliebt. Es ging nicht darum, aus Girton einen Helden im Zentrum der Geschichte der Tired Lands zu machen; die Age of Assassins-Trilogie thematisierte so viel wichtigere Dinge: Freundschaft, Wiedergutmachung, Familie, Selbsterkenntnis und das Überkommen von Zweifeln und Ängsten. Denn wie R. J. Barker erneut schreibt:

„(…) Girton – to be who he is rather than the magical weapon he could have been (…)“.

Die “Age of Assassins”-Trilogie

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