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Frauen gab es im Universum von Star Wars schon immer. Sie waren Prinzessinnen, Senatorinnen, Kämpferinnen. Alle mit eigenen Persönlichkeiten; mal stur, mal idealistisch, mal arrogant. Und trotzdem hat es auch Star Wars bisher nie so ganz geschafft, Frauen auf allen Ebenen mit den männlichen Charakteren gleichzusetzen und ihnen eigene, völlig unabhängige Handlungsstränge zuzugestehen. Frauen als Plot Devices, die somit größtenteils der Charakterentwicklung ihrer männlichen Gegenstücke dienen, finden sich leider in nahezu allen großen Franchises. Egal, ob es sich um Videospiele, Filme oder Serien handelt – viel zu oft werden Frauen als Grund genutzt, um die Taten des Protagonisten zu legitimieren und damit auch dessen persönliche Wandlung voranzutreiben. Betrachtet man nun Episode I – VI, so bedient sich auch Star Wars auf die ein oder andere Art und Weise dieser Strategie.

Das beste Beispiel wäre hier wohl Padmé Amidala, die zwar einer meiner absoluten Lieblingscharaktere ist, aber so viel ungenutztes Potential besitzt und vor allem in Episode III fürchterlich verschwendet wurde. Im ersten Teil der Prequels besitzt Padmé eigene Ziele; sie will Naboo vor der Föderation retten, die Menschen dort beschützen und die Souveränität ihres Heimatplaneten erhalten. Dafür tut sie, was getan werden muss und nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand. Über die Liebesgeschichte zwischen ihr und Anakin in Episode II kann man sagen, was man will, aber zumindest handelt Padmé auch hier noch relativ unabhängig und folgt eigenen Motivationen. Mit dem Beginn von Episode III ist von der ursprünglichen Padmé allerdings nicht mehr viel übrig. Ihr einziger Zweck besteht plötzlich darin, Anakins Weg zur dunklen Seite zu rechtfertigen und dessen Handlungsstrang voranzutreiben. Sie ist einfach unglaublich passiv und wird nur noch im Kontext von Anakins Entwicklung thematisiert. Ihren Höhepunkt findet diese Degradierung zu einem Plot Device in ihrem Tod, der mich jedes Mal wieder fürchterlich aufregt. Anakin ist dank Padmés angeblichem Verrat endgültig auf die Dunkle Seite gewechselt, Luke und Leia sind geboren und Darth Vader nimmt seinen Platz an der Seite des Imperators ein – wozu brauchen wir Padmé also noch? Lasst sie uns einfach irgendwie um die Ecke bringen und aus der weiteren Handlung streichen! Dass die Begründung, sie habe „ihren Lebenswillen verloren“ kompletter Unsinn und vor allem schrecklich unfair gegenüber Padmé als Charakter ist, spielt keine Rolle, denn ihr Zweck als Plot Device ist schließlich erfüllt, oder?

Aber auch Leia steht, wenn man rein die originale Trilogie betrachtet, nicht komplett für sich. Selbst sie dient teilweise dazu, Luke als Protagonisten voranzutreiben; beispielsweise ist ihre Enthüllung als Lukes Schwester einer der Gründe, warum Luke den Imperator überhaupt besiegen kann und die Vollendung seiner Charakterentwicklung. Versteht mich nicht falsch, ich liebe sowohl Leia als auch Padmé abgöttisch – aber trotzdem ist da immer ein etwas fader Beigeschmack, der mich stört und so einfach hätte umgangen werden können.

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Und genau deswegen ist The Last Jedi so wichtig, denn der Film macht all das richtig, was eigentlich selbstverständlich sein sollte und es dennoch leider nicht ist. Diese Bedeutung zeigt sich sehr schön an all den frauenfeindlichen und völlig abgedrehten „Kritikpunkten“, die von besorgten, „wahren Fans“ auf Reddit, YouTube et ceterea verbreitet wurden und werden. Toxische Nostalgie und Fankultur ist nochmal ein völlig anderes Thema, über das ich wahrscheinlich sowieso einen eigenen Beitrag schreiben werde, denn auch hier gilt: ist das euer Ernst? Schon alleine die Tatsache, dass es traurigerweise einen 46-minütigen Zusammenschnitt des Films gibt, aus dem sämtliche Szenen mit weiblichen Charakteren entfernt wurden, sollte alles sagen. Und wenn ich dann noch aus meinem privaten Umfeld höre, dass so viele Frauen ja nun mal wirklich unrealistisch und nervig sind, müsste außer Frage stehen, wie sehr wir Filme wie The Last Jedi brauchen und wie viel Arbeit noch vor uns liegt.

Denn ja, auch hier werden Frauen genutzt, um die Entwicklung männlicher Figuren aufzuzeigen. Aber sie sind eben nicht nur das, sondern stehen hauptsächlich für sich selbst. Ausnahmslos alle bekommen einen eigenen Character Arc, also eine eigene kleine Geschichte, die sie irgendwie verändert oder den Kern ihrer Persönlichkeit ans Licht holt.

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Rey wird von Luke zur Jedi-Ritterin ausgebildet und muss im Laufe des Films akzeptieren, manchmal eben nicht alles gut wird und vieles nicht so einfach ist, wie sie es vielleicht gerne hätte. Ihre Dynamik mit Kylo Ren war fantastisch, denn obwohl wir hier anfangs wieder den klassischen „die Heldin heilt den Antagonisten“-Trope haben, ist er im Endeffekt eben genau das nicht. Rey will Kylo Ren wieder auf die Helle Seite der Macht ziehen, scheitert, erkennt ebendieses Scheitern und trifft dann die Entscheidung, sich selbst treu zu bleiben und für das einzustehen, an das sie glaubt.
Rose Tico zeigt uns die Geschehnisse aus der Perspektive einer Frau, die keine Jedi-Ritterin ist und auch keine hohe Position im Militär besitzt; stattdessen ist sie eine Mechanikerin des Widerstands. Natürlich dient sie zu einem gewissen Grad dazu, Finns Charakterentwicklung zu verdeutlichen, aber trotzdem besitzt sie in der großen übergreifenden Rahmenhandlung ihre eigene kleine Geschichte.
Und dann hätten wir da natürlich noch Leia Organa, deren Reise in A New Hope als Prinzessin begann und nun in The Last Jedi als General des Widerstands den Höhepunkt ihres Character Arcs findet. Vor allem in Kombination mit Büchern wie Bloodline ist es wunderbar zu sehen, was für ein komplexer Charakter sie ist, wie sehr sie für sich selbst steht und wie unglaublich gut aufgebaut eine weibliche Figur sein kann. Und wir finden hier noch etwas, das es viel zu selten gibt: die Freundschaft zweier Frauen, die so viel verbindet. Dieser Respekt und die Wärme zwischen Leia und Vice Admiral Amilyn Holdo ist das, was die Beziehung der beiden ausmacht und das Ende dieser Freundschaft umso tragischer wirken lässt.
Amilyn Holdo ist außerdem mein absolut liebster weiblicher Charakter in The Last Jedi. Wie einfach wäre es gewesen, sie ähnlich wie Rose nur als Plot Device für den Character Arc von Poe Dameron zu verwenden! Und das mag sie teilweise auch sein, aber sie wird eben nicht rein als solcher dargestellt – Amilyn handelt so, wie es ihren Werten und vor allem auch ihrer Position entspricht. Amilyn nimmt ihre Zukunft und gleichzeitig auch die des gesamten Widerstandes selbst in die Hand; die Entscheidung, sich zu opfern, ist ihre eigene. Durch ihren Rang in der Hierarchie des Widerstandes ist auch das Argument, sie hätte Poe von ihren Plänen erzählen müssen, absolut sinnfrei – denn mal ehrlich, warum bitte sollte ein Admiral jemals dazu verpflichtet sein, seinen Untergebenen sämtliche geheimen Strategien mitzuteilen? 

Das Schicksal all dieser Frauen wird nicht durch eine männliche Figur bestimmt, sondern liegt ausschließlich bei ihnen selbst. Sie alle haben eigene Überzeugungen, die ihre Entscheidungen und Taten bestimmen und sie nicht abhängig von den Handlungssträngen der Männer machen. Wir brauchen mehr Filme, die wie The Last Jedi sind, denn nur so kann es normal werden, Frauen nicht rein als Plot Devices zu nutzen, sondern ihnen eigene Geschichten zuzugestehen. Das Star Wars-Franchise als Ganzes macht das bereits besser als ein Großteil des Rests, aber besonders mit The Last Jedi haben wir endlich einen Film, der etwas zeigt, was eigentlich Normalität sein sollte.

 

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6 thoughts on “Frauen als Plot Device – Warum wir mehr Filme wie The Last Jedi brauchen

  1. Danke für die Vorstellung, kommt gleich auf meine Watchlist :).
    Liebe Grüße!

    Posted on 13/08/2018 at 13:05
  2. Ein toller Artikel. Und das sage ich als jemand, der nicht einen einzigen Film der Star Wars-Reihe gesehen hat und auch nicht vor hat, das zu ändern. (Abgesehen von „Rogue One“, weil ich Felicity Jones toll finde. Was bin ich eigentlich für ein Mensch? :D) Trotzdem fand ich deine Ausführungen super interessant – gerade weil man eben dieses Problem auch in so vielen anderen Filmen, Reihen, Spielen, Büchern und und und wieder findet. Und gerade der empörte Aufschrei sogenannter „Fans“, wenn es dann doch mal um Frauen geht – widerlich finde ich das. Man muss sich nur die Kommentare zu jedem Artikel über den neuen weiblichen „Doctor Who“ durchlesen und schon hatte man wieder genug Internet für den Tag.

    Daher finde ich es toll, dass auch ein Franchise, das schon so lange läuft und eigentlich auf Altbewährtes setzen könnte, anscheinend trotzdem den Anspruch hat, auch mal mehr für Diversität und female Empowerment zu tun. Auch wenn ich keine Ahnung von den meisten Charakteren habe, die du nennst – es klingt zumindest gut.

    Gern mehr davon, habe ich überaus gern gelesen!

    Posted on 14/08/2018 at 16:15
    1. Also Rogue One lohnt sich auf jeden Fall, auch als Nicht-Star Wars-Fan :D Und ja, manche dieser Kommentare sind wirklich furchtbar. Ich verstehe einfach nicht, wie man so sein kann. Es ist widerlich, wirklich.

      Posted on 30/08/2018 at 11:04
  3. Danke für diesen wundervollen Artikel.
    Ich freue mich über jeden positiven Artikel zu TLJ. Auch wenn der Film einige Macken hat, macht er auch vieles richtig. Ich habe selbst bereits zum female gaze in TLJ und Ben Solo als Gegenbeispiel für toxische Männlichkeit geschrieben und dein Text nimmt mir auch die Worte aus dem Mund.
    Ich denke, der Film hat so viele Hater gerade WEIL einige männliche Zuschauer nicht mit solchen Frauenrollen und Frauen im Fokus klarkommen. Nicht in ihrem heiligen Star Wars. Umso wichtiger ist der Film also.

    Liebe Grüße,
    Larissa :)

    Posted on 01/09/2018 at 15:44
  4. Wow! Ich bin ein bisschen sprachlos, danke für diesen wahnsinnig guten, interessanten und klugen Artikel. Ich habe deinen Blog eben bei Red Riding Rogue entdeckt und werde ihn direkt mal in mein Feedly packen.

    Ich möchte dir einfach in allen Punkten zustimmen. Und ich habe Lust, mir The Last Jedi heute Abend nochmal anzuschauen, ich liebe diesen Film eben genau wegen dieser tollen Frauenfiguren.

    Herzliche Grüße,
    Nicci

    Posted on 12/09/2018 at 12:25