Rezension zu Radio Silence von Alice Oseman

Inhalt: Frances has always been a study machine with one goal, elite university. Nothing will stand in her way; not friends, not a guilty secret – not even the person she is on the inside. But when Frances meets Aled, the shy genius behind her favourite podcast, she discovers a new freedom. He unlocks the door to Real Frances and for the first time she experiences true friendship, unafraid to be herself. Then the podcast goes viral and the fragile trust between them is broken. Caught between who she was and who she longs to be, Frances’ dreams come crashing down. Meanwhile at uni, Aled is alone, fighting even darker secrets. It’s only by facing up to your fears that you can overcome them. And it’s only by being your true self that you can find happiness. Frances is going to need every bit of courage she has.

“I wish I could be as subtle and beautiful. All I know how to do is scream.”

Radio Silence von Alice Oseman ist eines dieser Bücher, von denen ich dachte, dass sie sicherlich sehr gut, aber nicht weltbewegend wären. Die Prämisse klang interessant, ich hatte das Buch von Isabella empfohlen bekommen und war sowieso endlich mal wieder in Lesestimmung. Perfekte Voraussetzungen also, um eine schöne, kurzweilige Geschichte zu genießen. Ich war allerdings nicht darauf vorbereitet, wie viel mehr dieses Buch doch ist und wie sehr ich es schlussendlich lieben würde. Daher weiß ich auch gar nicht so recht, wie und wo ich mit dieser Rezension überhaupt anfangen soll, zumal dieser Text den Namen eigentlich nicht verdient und vielmehr eine inkohärente Liebeserklärung ist?
Eine kleine Warnung vorab: Ich versuche, den Artikel möglichst spoilerfrei zu halten, muss allerdings trotzdem auf einige Handlungselemente eingehen, um meine Gedanken richtig darstellen zu können.

Im Prinzip geht es um das Leben der Schülersprecherin und Musterschülerin Frances und wie sehr sich dieses kurz vor ihrem Schulabschluss verändert. Sie lernt den ruhigen Aled kennen und findet heraus, dass er der anonyme Schaffer von Universe City ist, einem erfolgreichen Podcast mit einer riesigen Fangemeinde, den Frances über alles liebt. Der Podcast erzählt die Geschichte des geschlechtslosen Studenten Radio, der in einer futuristischen Universität gefangen ist und von dort Nachrichten an die Außenwelt verschickt. In ihm verarbeitet Aled eigene persönliche Erfahrungen und Probleme, wie etwa seine Abneigung gegenüber Universitäten oder den Verlust seiner von zuhause weggelaufenen Schwester Carys. Mit der Zeit freunden sich Frances und Aled an; Frances wird sogar ein Teil des Podcasts und fängt an, Illustrationen für diesen anzufertigen.

Radio Silence Rezension von Alice Oseman

I couldn’t quite believe how much I seriously loved Aled Last, even if it wasn’t in the ideal way that would make it socially acceptable for us to live together until we die.

So viel zur Ausgangslage – kommen wir nun zu den Charakteren, der großen Stärke des Buches und dem Grund, warum es einfach so genial ist. Da hätten wir zuerst einmal natürlich Frances, die Protagonistin. So richtig identifizieren kann ich mich nicht mit vielen Buchfiguren; Frances darf sich hier nun aber zu Kaz aus Crooked Kingdom, Alisa aus Nosferas und einigen wenigen weiteren Charaktere gesellen. Denn ernsthaft, sie ist eine so echte, eine vor allem so nachvollziehbare Protagonistin und ich wage zu behaupten, dass wir alle ein Stück Frances in uns tragen, einige von uns mehr, andere weniger. Frances ist Schulsprecherin und gehört zu den Jahrgansbesten; ihr gesamtes Leben dreht sich um gute Noten und darum, einen Platz an einer angesehenen Universität zu bekommen. Um dieses selbst geschaffene Bild der Musterschülerin nicht zu verlieren, besitzt sie zwei Identitäten: Schul-Frances, die nur auf ihre Leistung konzentriert ist und die „echte“ Frances, die Game of Thrones liebt, verrückt nach Universe City ist und einen Kleiderschrank voller Merch-Klamotten besitzt.

Ich weiß nicht, wie es in eurer Schulzeit war, aber ich kann das einfach so extrem gut nachvollziehen? Teile von sich nicht nach außen zu tragen, aus Angst, was alle anderen dazu sagen würden, ist etwas eigentlich so Unsinniges und passiert trotzdem viel zu oft. Auch der Fokus auf Noten und gute Leistungen ist im Nachhinein betrachtet so furchtbar idiotisch, denn wen interessiert in zehn oder zwanzig Jahren denn bitte noch, welche Zahl am Ende auf dem Zeugnis stand? Im Verlauf von Radio Silence erkennt Frances für sich, dass beide Dinge – sich selbst für ein vermeintliches Ideal zu verstellen und der Druck, konstant Leistung zu bringen – nur dazu führen, unglücklich zu sein und langsam daran kaputt zu gehen. Und genau diese Wandlung war so unglaublich schön zu beobachten, denn es ist nicht einfach, an einen Punkt zu gelangen, an dem einen die Meinung Anderer einfach egal ist.

“I think everyone’s a bit bored with boy-girl romances anyway,” he said. “I think the world’s had enough of those, to be honest.” 

Ein zweiter wichtiger Punkt ist der Umgang mit der Sexualität der Charaktere in Radio Silence. Diese sind nämlich beinahe alle auf die ein oder andere Weise queer und es ist, bis auf eine Ausnahme, keine große Sache. Und das war verdammt grandios, denn viel zu oft wird die sexuelle Orientierung als großer Plot Point genutzt und der Charakter der Figuren fast ausschließlich darüber definiert. Hier sind sie bisexuell, homosexuell und demisexuell – und es ist einfach nur eine Tatsache. Mich hat das wirklich unbeschreiblich glücklich gemacht, denn es war ein so respektvoller und selbstverständlicher Umgang mit diesem Thema. Eventuell bin ich im letzten Drittel aus diesem und einigen weiteren Gründen durchgängig in Tränen ausgebrochen, aber hey, es tut mir nicht mal leid.   

Und dann ist da natürlich noch Aled, den wir alle am besten nacheinander ganz fest in den Arm nehmen. Aled ist ein herzensguter Mensch, der sich nach Zuneigung sehnt und einfach nur glücklich werden möchte. Leider ist das aber nicht so einfach, denn er hat mit vielen Problemen zu kämpfen, die stellenweise unüberwindbar scheinen. Seine Mutter misshandelt ihn psychisch und stellenweise auch physisch, was Alice Oseman in beeindruckender und vor allem auch erschreckender Art und Weise darstellt. Manche dieser Passagen sind furchtbar schwierig zu lesen und die Wirkung dieser Misshandlung auf Aled hat mir regelmäßig das Herz gebrochen. Als Folge wird Aled depressiv und findet sich in einer Abwärtsspirale wieder, aus der er lange Zeit nicht herauskommt. Und auch das muss ich dem Buch hoch anrechnen – psychische Erkrankungen werden nicht beschönigt, sondern als das dargestellt, das sie sind: zerstörerisch, hässlich und vereinnahmend. Hinzu kommt das Thema Hass im Internet, was Aled und stellenweise ebenso Frances zusätzlich belastet. Auch hier finde ich es wieder faszinierend, wie gut Oseman die Problematik aufzeigt und wie gut es ihr gelingt, das Thema in die Geschichte einzubinden. Es wird deutlich, wie gefährlich und toxisch bestimmte Communities im Netz werden können und wie schnell eine scheinbar harmlose Situation eskalieren kann. Vor allem die Tatsache, dass sich Bedrohungen im Netz auch ganz schnell in das reale Leben einer Person ausweiten können, ist furchtbar.

Rezension zu Radio Silence von Alice Oseman

I wonder – if nobody is listening to my voice, am I making any sound at all?

Ganz ohne Kritik kommt aber auch Radio Silence nicht aus, denn es gab einen Punkt, der mich wirklich gestört hat und mit dem ich ganz und gar nicht einverstanden bin. Und dieser betrifft Frances, denn von Anfang an gibt sie sich ständig die Schuld an allen schlimmen Dingen, die passieren. Das ist zunächst auch erst einmal in Ordnung, denn es wäre eine Möglichkeit, wie sie sich im Laufe des Buches weiterentwickeln kann. Aber leider tut sie das nicht und auch die anderen Charaktere, die an bestimmten Situationen beteiligt sind, zeigen keine Einsicht. Und das hat mich furchtbar aufgeregt, denn die meiste Zeit war es eindeutig nicht Frances‘ Schuld! Aber wird das irgendwo nochmal angesprochen und geradegerückt? Nein! Ich möchte hier nicht spoilern, deswegen kann ich nicht genauer auf die beiden angesprochenen Szenen eingehen, aber: es ist nicht okay. Bis zum Ende behält Frances ihre Schuldgefühle bei und auch die anderen Charaktere verhalten sich weiter so, als ob Frances für all das verantwortlich wäre. Und das ist etwas, das ich einfach überhaupt nicht ausstehen kann. 

Das zentrale Thema von Radio Silence ist aber ganz klar die Freundschaft zwischen Frances und Aled. Und glaubt mir, es war eine der schönsten Beziehungen zwischen zwei Charakteren, über die ich je gelesen habe. Denn zu keinem Zeitpunkt driftet sie ins Romantische ab; nie wird auch nur angedeutet, dass aus den beiden mehr werden könnte. Und in einer Buchwelt, in der nur wenige romantische Beziehungen auch tatsächlich gut geschrieben sind und irgendeinen Sinn und Zweck erfüllen, ist das eine mehr als willkommene Abwechslung. Aled beschreibt sich und Frances als platonische Seelenverwandte und schon alleine dafür liebe ich dieses Buch. Können wir denn nicht bitte mehr Freundschaften in Büchern haben? Mehr gemeinsame Leidenschaften, mehr Lachen unter Freunden, mehr gegenseitige Unterstützung? Radio Silence zeigt, wie viel so eine Freundschaft erreichen kann und wie sehr sie zwei Menschen dabei hilft, über sich hinauszuwachsen und zu der Person zu werden, die man immer sein wollte. Und das ist doch eigentlich eine der wichtigsten und mächtigsten Botschaften überhaupt.   

I can take a little beating now and then. I’m a tough one. I’m a star. I’m steel-chested and diamond-eyed. Cyborgs live and then they break, but I’ll never break. Even when my bone dust drifts over the city walls, I’ll be living and I’ll be flying, and I will wave and laugh.

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2 thoughts on “Rezension: Radio Silence von Alice Oseman

  1. Ich kannte das Buch bisher noch gar nicht, aber es klingt wirklich großartig! Muss ich mir unbedingt merken!

    Posted on 24/07/2018 at 14:51
  2. Oh man, bei mir sind gerade alllll die Gefühle wieder hochgekommen. Die Rezension ist dir so gut gelungen, man merkt, dass sie von Herzen kommt. Dass ich dir in allem zustimme, weißt du :D, aber du hast mir noch mal ins Gedächtnis gerufen, wie dankbar ich für Frances als Charakter aber auch für Frances und Aleds Freundschaft bin. Es ist einfach so wichtig, aufzuzeigen, dass nicht nur romantische Beziehungen Unterstützung liefern können, dass eben auch Freundschaften genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger sind – ich wüsste zumindest nicht, was ich gemacht hätte, wäre ich über die Jahre hinweg nicht von so wunderbaren Menschen unterstützt geworden. Anyway. Auch wenn ich persönlich echt gerne zu Uni gehe und weiß, dass das für mich die richtige Entscheidung war, konnte ich Frances insofern richtig verstehen, als dass Uni oft als der einzig wahre Weg angesehen wird, gerade, wenn man Abi macht, und es ist einfach so krass, dass das kaum hinterfragt wird, dass generell immer nur nach einem höheren Bildungsziel gestrebt wird oder dass einem beigebracht wird, nach derartigem zu streben.
    Super, das ist jetzt mal wieder eskaliert. :D

    Ganz viel Liebe für dieses Buch und für die Rezension! <3

    Posted on 24/07/2018 at 20:00